Die Hure des Systems - ASIAN DUB FOUNDATION
Huge thanks to Johnster for the interview:)Die Neunziger gelten zu Recht nicht als Jahrzehnt des politischen Aufruhrs. HipHop wird von der Zigarettenreklame entdeckt, und Bands wie Chumbawamba laufen im Musikkanal der Lufthansa. Stattdessen das große Patchwork der Möglichkeiten, in dem sich niemand mehr darüber einig ist, wo wir stehen. Ein Paradox dieses Jahrzehnts besteht allerdings darin, daß Revolutionen zwar längst aufgegeben worden sind, zugleich aber ist Popmusik politischer denn je.
In sämtlichen Sparten populärer Musik beanspruchen Künstler, als politisch verstanden zu werden: Von Atari Teenage Riot bis Lard, von Rage Against The Machine bis Chumbawamba, von Stella bis Blumfeld, von Björk bis zum Wu Tang Clan - für all diese Bands wäre es die schlimmste Beleidigung, ihnen den politischen Gehalt abzusprechen. Fast könnte man meinen, die Politik habe sich in den Neunzigern aus der Gesellschaft entfernt, um im Pop ihren Triumph zu feiern - der allerdings ist rein ästhetischer Natur. Dort nämlich tummelt sich Politik in bunten Clips - sozusagen als Beigabe eines guten Gewissens - und verhindert allein über diese Art der Präsentation jegliche Wirksamkeit. Vietnam neben Frauenbrüsten und Einblicke in die Hinterhöfe der Bronx zwischen Pepsi-Reklame: So sieht Politik im Jahrzehnt der Beliebigkeit aus.
Kaum eine Band unserer Tage ist von diesem Zustand so genervt wie Asian Dub Foundation. Gitarrist Steven Chandra Savales (aka Chandrasonic) bezieht Stellung: "Das Politische ist ganz klar zum Alibi geworden. Wer sich heute im Musikgeschäft auf die Fahne schreibt, gegen Rassismus zu kämpfen, benutzt dies alsbloßes Stil-Image, weil sich durch ein solches Statement viel mehr Platten absetzen lassen. Zugleich kommt dieser Verkauf Konzernen zugute, die ein rassistisches Gesellschaftssystem stützen. Als Popmusiker befindest du dich immer ineinem Teufelskreis, denn du bist stets die Hure des Systems, dem du dich eigentlich entziehen willst. Legitimieren läßt sich das nur durch eine radikale Arbeit, die auch außerhalb des Pop-Business stattfindet. Das heißt nicht, wie Phil Collins und die ganzen Typen ab und zu mal eine Spende für den Regenwald abzudrücken, sondern politisch organisiert zu sein. Wir alle haben in antifaschistischen Gruppen gearbeitet, bevor wir die Band gründeten. Unsere Band kam also aus ganz klaren politischen Zusammenhängen. Wir betreiben keine heuchlerische Medienpolitik wie beispielsweise die Manic Street Preachers. Wir nutzen Pop als Informationsmedium, über das wir unsere politische Arbeit vermitteln".
Im Grunde ist Pop ihrer Meinung nach auch kein geeignetes Medium, um sich antikapitalistisch zu artikulieren, da er selbst nach den Regeln des Kapitalismus funktioniert: Eine Ware, die darauf hin konzipiert ist, sich als cool,sexy und möglichst substanzlos zu verkaufen, ist dazu verdammt, selbst noch den Protest so scharf wie einen freien Bauchnabel anzupreisen. Zugleich aber bleibt der protestierenden Stimme am Ende dieses Jahrhunderts gar nichts anderes mehr übrig, als sich der Mittel des Pop zu bedienen, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden.
"Wenn du andere Menschen überzeugen willst, solltest du politische Aktionen starten oder Bücher schreiben. Das Problem mit Büchern besteht allerdings darin, daß sie als Medium leider kaum mehr viele Menschen erreichen. Weil wir uns aber gerade an die Unterprivilegierten wenden, also an Menschen, die sich nicht mit politischen Büchern beschäftigen können, weil ihnen diese Erziehung verwehrt wurde, wählen wir die Musik. Pop ist in diesem Jahrhundert neben dem Fernsehen zur letzten Möglichkeit geworden, möglichst viele Menschen aus möglichst verschiedenen Gesellschaftsschichten überhaupt noch zu erreichen."
Um mit Pop als Agit-Stil breit gefächert zu wirken, benutzen ADF einen stilistischen Bastard aus Reggae, Punk, HipHop, Jungle und asiatischer Folklore. "Wir sind populistisch, aber nicht im Sinne von Chumbawamba. Bei Chumbawamba ist die Musik bereits so an den Charts orientiert, daß keiner mehr aus ihr politische Schärfe heraushört. Beim Bügeln, Kochen oder am Fließband einen Song mitzuträllern, der gegen das System aufruft, ist ja gerade deshalb so lächerlich wirkungslos, weil das kein emotional tiefes Erlebnis hinterläßt.
Indem man den Protest gegen das trällert, was man da gerade tut, bekommt man nur suggeriert, bereits maximal frei zu sein. Wo Musik keine emotionale Gegenwelt zur bestehenden Welt aufbaut, kann sie noch so sehr gegen Faschisten und Monopolisten ansingen - ein Widerstand, der nicht sinnlich erfahrbar wird, bleibt so entfremdet kalt wie das System, in dem wir leben, und hilft somit, die Kälte des Systems zu festigen."
Die Grundstimmung von "R.A.F.I.", ihrem zweiten Longplayer, klingt in meinen Ohren wie eine zeitgemäße Reggae-Version von alten Punk/Wave-Bands wie PIL (was nicht zuletzt am schneidenden Gesang liegt), ein Vergleich, der ADF gefällt. "Wir kommen aus dem Punk, insofern ist eine Band wie PIL für uns ein Klassiker. Überhaupt gab es damals ja einige großartige Versuche, Punkrock mit Reggae zu koppeln, bei The Pop Group zum Beispiel und den Stiff Little Fingers. Ich denke, daß wir heute etwas Ähnliches machen, wenn wir asiatische Musik in unsere Stücke integrieren.
Das ist keine Weltmusik-Plünderung und auch kein kommerzieller Crossover, sondern es ist Bewußtmachung von politischen Gemeinsamkeiten, die zwischen Menschen bestehen, also zwischen Menschen, die alle auf ihre Art vom herrschenden Denksystem des weißen Europäers ausgegrenzt werden. Als der Punk Reggae-Elemente benutzte, hatte man noch das Gefühl einer Solidarität unter den gesellschaftlich Unterdrückten. Leider ist Punk selbst sehr bald dogmatisch geworden. Mit dem Punk der späten Achtziger und Neunziger haben wir deshalb nichts mehr zu tun. Wir sind keine Puristen. Wir benutzen so viele Stile, weil wir auf eine Vernetzung hoffen."
Zugleich weiß die Band, daß diese Vernetzung bereits zum Selbstläufer mutiert ist. Crossover als Stil, der vorgibt, sogenannte weiße wie schwarze Musikformen zu verbinden, bedient sich meist der bloßen Oberflächlichkeit von Style, nach deren Prinzip auch Talkshows funktionieren. Solange Schwule, Schwarze und andere, vom weißen Chef abweichende Figuren sich nur stilgerecht zu präsentieren wissen, werden sie im Zoo der freiheitlichsten aller Welten gern aufgenommen.
"Es ist verdammt schwer", erklärt Chandrasonic, "eine Musik zu spielen, die auf Toleranz aufbaut, aber doch zutiefst intolerant ist. Im Gegensatz zu einer Musik, die nur alle Gegensätze aufhebt und einen auf lockeren Multikulti macht, wollen wir ja eine sehr angreifende, intolerante Band sein: Wir tolerieren kein System, das sich einerseits gegen Rassismus ausspricht und gleichzeitig Emigranten abschiebt. Wir wollen keine heile Welt einer Community heraufbeschwören, in der Schwarz und Weiß sich nur dann verstehen, wenn alle ihre gesellschaftlich zugewiesene Funktion erfüllen. Wir könneneigentlich nur versuchen, über unsere Musik ästhetisch eine Gesellschaft vorzubereiten, in der den Menschen überhaupt keine Funktion mehr zukommt, sondern in der alle frei sind, zu essen, arbeiten und zu küssen, auf wen oder was sie auch immer gerade Lust haben."
Am Ende steht die totale Befreiung, doch auch Asian Dub Foundation wissen nicht, wie die sich formulieren läßt. Adorno (im Zuge des 68er-Jubiläums darf man ihn schon mal wieder öfter zitieren) äußerte einst, daß die Kunst, sofern sie auf die befreite Gesellschaft hinarbeitet, an ihrem eigenen Verschwinden arbeitet, da die befreite Gesellschaft keine Kunst mehr benötigen wird.
"Das ist ein sehr guter Gedanke. Ich erinnere mich daran, von einem Indianerstamm gelesen zu haben, in dem das Wort für Musik dasselbe gewesen ist wiedas Wort für Tanz, was wiederum dasselbe Wort war für Luft und dasselbe Wort für Leben. Wenn wir einmal so weit sind, daß Musik und Tanz für uns dasselbe sind wie die Luft, die wir atmen, dann brauchen wir auch keinen scheinheiligen Kulturbegriff mehr. Dann brauchen wir keine Trennung mehrzwischen Arbeit am Tag und Disco am Abend, dann wird uns klar sein, daß die Kultur im Kapitalismus immer nur dazu gedient hat, uns kurzzeitig satt zu machen, auf daß wir am nächsten Tag das Büro oder die Fabrik wieder überstehen. So funktioniert Fernsehen, so funktionieren Museen und so funktioniert Pop. Erst wennwir keine Trennung mehr zwischen Kultur, Lusterfüllung und Arbeit mehr verspüren, wäre die Gesellschaft befreit. Leider sind wir für all das noch zu verklemmt. Wir haben noch nicht verstanden, die Kunst als Kunst abzuschaffen, um sie endlich leben zu können."
Weil Konzerte häufig nur konsumiert werden, um Zeit totzuschlagen oder um sich selbst dadurch ein bestimmtes Image zu geben, bleibt die Kunst weiterhin eine bloße Ersatzbefriedigung.
"Zu wissen, daß auch unsere Konzerte häufignur deshalb besucht werden, weil es cool ist, einer engagierten und korrekten Band zuzuhören, anstatt den Abend zu nutzen, seinen Nachbarn in der Kneipe kennenzulernen, ist natürlich deprimierend."
So deprimierend wie das Jahrzehnt, in dem Kommunikation durch ‘Kultur’ ersetzt wird? Je politischer Pop geworden ist, desto unbedeutender wurde es zugleich, sich mit der Gesellschaft selbst auseinanderzusetzen. "Culture’s a weapon which is used against us", singt David Thomas auf der neuesten Platte von Pere Ubu - ein wunderbarer Abfalleimer, in den sich sämtliche gesellschaftlichen Defizite kehren lassen.
"Also müssen wir eine Musik spielen, die zu keinem Moment losgelöst von ihren Inhalten konsumierbar ist", erklären Asian Dub Foundation. Ein hoher Anspruch, dem selbst sie als großartige Band wohl nie gerecht werden können.
Martin Büsser,VISIONS Nr. 66