Kuschelig und braun
Heute Abend im Columbia Fritz: die Asian Dub Foundation
Robert Rotifer

Thanks a lot [Vielen Dank!] to Stefan for the interview!

Wenn es um die wohltätige Toleranz gegenüber ethnischen Minderheiten im Popgeschäft geht, versteht die Asian Dub Foundation keinen Spaß. Der Mann am anderen Ende der Telefonleitung wird äußerst unruhig: "Ich bin es Leid, ich kann es nicht mehr hören! Immer dieselben Fragen, ihr Journalisten habt überhaupt keine Fantasie. Alle wollen wissen, ob wir eine politische Band sind. Warum fragt uns niemand nach unseren Sounds, nach unserer Musik? Das Wort ,politisch wird in Wirklichkeit nur gebraucht, um uns unter Kontrolle zu behalten. Wir sind eine starke musikalische Kraft - unser Publikum versteht das, bloß ihr Journalisten nicht."

Man freut sich eben, wenn eine Band einmal wieder bereit ist, sich als politisch zu deklarieren. Seit den Achtzigerjahren war das - mit Ausnahme von Einzelfällen wie Chumbawamba - schließlich tabu. "Ach ja?", entgegnet Chandrasonic, Gitarrist der Asian Dub Foundation, mit spöttischem Unterton. "Wer soll denn das gewesen sein in den Achtzigern?" Na, da gab es doch zum Beispiel das Style Council oder Billy Bragg . "Billy Bragg!? Billy Bragg war nie fortschrittlich, weil seine Musik immer rückschrittlich war. Er steckte immer schon tief in der Vergangenheit fest. Was für eine Beleidigung, uns mit Billy Bragg zu vergleichen!"

Wir haben Antworten auf alles bekommen. Chandrasonic betreibt Interviews wie ein Katz-und-Maus-Spiel. Er lauert nur darauf, die "denkfaulen" Journalisten auf dem falschen Fuß zu erwischen. Befragt nach der Rolle seiner Gruppe als Sprachrohr ihrer Community, stellt er zum Test die Gegenfrage. "Welche Community meinst du denn? Die Community aller Asians etwa?" Nun, immerhin trägt seine Band das Wort "Asian" in ihrem Namen, was in Zusammenhang mit dem Titel ihres letzten Albums "Community Music" eine solche Deutung als nicht allzu weit hergeholt erscheinen ließe. Aber wer sich zu einer derart banalen Auslegung hinreißen lässt, begeht den klassischen Fehler: zu glauben, dass die Angehörigen ethnischer Minderheiten ihre eigene Community nach jenen Standards identifizieren, die von der kulturellen Hegemonie vorgegeben werden.

"Community Music" ist in Wahrheit nichts anderes als der Name eines regelmäßigen Musikworkshops, den Asian Dub Foundation betreiben - genauer gesagt, aus dem sie sich vor sieben Jahren heraus entwickelt haben, zunächst in der Form eines Soundsystems. Von da an dauerte es eine für britische Verhältnisse ungewöhnlich lange Zeit, bis die mediale Öffentlichkeit ihre Augen auf eine Band richtete, die vollkommen abseits der auf weiße Pop-Acts fixierten Londoner Szene operierte.

Chandrasonics Skepsis gegenüber der erhöhten Publizität, die seine Band genießt, seit sie sich vor zwei Jahren mit einem Major-Label assoziierte, ist also durchaus berechtigt. Wenn die britischen Medien Asian Dub Foundation heute als Repräsentanten der zweiten Generation indischer und pakistanischer Migranten in den Himmel loben, "weil wir kuschelig und braun sind", tun sie das tatsächlich bloß, "um uns später der Heuchelei überführen zu können. Ich wette, die warten nur darauf", ist sich Chandrasonic sicher. Aber "wir haben Antworten auf alles". Niemand, der mit ihm gesprochen hat, würde je daran zweifeln.

Nachdem Chandrasonic Dampf abgelassen hat, stellt sich im Verlauf unseres Gesprächs schließlich heraus, dass unter der Oberfläche seiner wütenden Rhetorik ein analytischer, selbstkritischer Geist steckt. Asian Dub Foundation sind sich des unlösbaren Konflikts bewusst, den ihr Erfolg mit sich gebracht hat: "Einerseits willst du allen sagen, was du mitgemacht hast, andererseits willst du dafür beurteilt werden, was du bist, und nicht woher du kommst."

Die wesentlich größere Herausforderung betrifft den Anspruch der Band, Musik zu machen, die schon von ihrer Struktur her fortschrittlich ist. "Die Politik ist im Sound", verkündete der Rapper und Sänger Deedar kürzlich bei einem Londoner Konzert nach einem Instrumental, so als müsste er sich dafür rechtfertigen, ein paar Minuten Bühnenpräsenz ohne didaktische Slogans zugelassen zu haben.

Warten auf den neuen Punk Laut Chandrasonic muss die Synthese aus Reggae-Bass, Jungle-Breaks, HipHop-Beats, Raggamuffin, Punk und gelegentlichen Melodien, die an indische Volksmusik erinnern, in ihrer Radikalität stets der revolutionären Attitüde der Band entsprechen: "Aber wir wissen, dass wir uns damit ein hohes Ziel setzen, dem wir immer wieder von neuem hinterherjagen müssen." Mit etwas Zynismus ließen sich solche Parolen natürlich leicht als plumper Agit-Prop verhöhnen. Doch was für ein Kontrast zwischen dem energisch enthusiastischen Auftreten der Asian Dub Foundation und der apathischen, britischen Independent-Szene, die bloß selbstmitleidig über die Vorherrschaft präpubertärer Girl- und Boybands in den Hitparaden jammert.

Und was für ein Emanzipationssprung seit der kurzen Mode des "Asian Underground" - als die Londoner Style-Brigade in Richtung des nächsten Trends weiterzog, wurde dieser schnell zum Opfer der eigenen Hipness. Die Asian Dub Foundation lässt sich zu Recht nicht als Vorzeigeobjekt einer multikulturellen Idylle instrumentalisieren. Ihre Wirkung könnte weit über die Grenzen antirassistischer Absichten hinausgehen. Ein knappes Jahrzehnt, nachdem die Dance-Musik ihr Versprechen brach, die Welt von der Geißel der Rockstars zu befreien, warten schon seit langem wieder alle auf den neuen Punk. Hier ist etwas viel Besseres. Asian Dub Foundation: Community Music